Homburger Kallmuth

Der mystische Weinberg

 

Jedes Mal, wenn ich auf der Autobahn zwischen Frankfurt und Würzburg unterwegs bin und die Abfahrt 65 – Marktheidenfeld - passiert habe, werfe ich, wenn der Verkehr es zulässt, den Blick nach links, um ganz kurz den Homburger Kallmuth zu erhaschen. Könnte auch die Autobahn verlassen, um den Main entlang zu fahren, bis sich der Berg nähert.

Manchmal tun wir es, wenn wir in Franken bleiben wollen und fahren bei Wertheim/Lengfurth wieder auf, oder die B8 bis Würzburg weiter.

Der Homburger Kallmuth ist für mich ein ganz besonderer Weinberg.  1999 folgten wir einer Einladung des Weinguts Fürst Löwenstein.  Ich habe noch den Bericht, den ich damals darüber geschrieben habe. Hier ein Auszug:

 

Viel hatte ich von ihm gehört, dem Zauberberg am Main. Von ihm aufströmende Hitze würde Wolken auflösen, ja sogar Gewitter vertreiben. Er sei eine Fundgrube seltener, ansonsten in Deutschland nicht mehr vorkommender Pflanzen, die wegen des besonderen Kleinklimas und der außergewöhnlichen Bodenbeschaffenheit nur dort gediehen. Den Duft der wilden Pflanzen könne der Weinliebhaber im dort wachsenden Wein wiederfinden, vorausgesetzt, er sei mit einem gut ausgestatteten Riech- und Geschmacksorgan gesegnet. Das macht neugierig

Nun stand ich an diesem herrlichen Samstag im Mai mitten drin im Homburger Kallmuth und ließ die Eindrücke auf mich einwirken. Ich ertrug die gleißende Hitze, genoss den herrlichen Panoramablick hinunter auf die blauen Fluten des Main hinüber über die Weinbergsterrassen auf das Dorf und zur Burg und ringsum auf blühende Pflanzen, wie ich sie noch nie vorher erblickt hatte. Ich genoss auch die angenehme Atmosphäre, die sich einstellt, wenn sich Gleichgesinnte treffen. Die Schwestern und Brüder im Geist waren aus ganz Deutschland gekommen, um der Einladung zu einer "kulinarischen Weinreise der besonderen Art" zu folgen. Eingeladen hatte das Weingut Fürst Löwenstein zu Kreuzwertheim. Zum Programm gehörte eine Vorstellung des Weingutes, eine Weinbergsbegehung im Homburger Kallmuth zur Asphodillblüte und ein Fünf-Gänge-Menü im Jagdhaus Karlshöhe.

An diesem heißen Tag im späten Mai dürften alle Teilnehmer an dieser Exkursion am eigenen Leib erfahren haben, dass selbst in kühleren Jahren an manchen Sommertagen 50 bis 60 Grad erreicht werden. Eine der Ursachen ist die hohlspiegelartige Ausformung des Hanges. Aus südlicher Richtung heranströmende Luft wird im weiten Flussbogen gestaut. Der Main, aber auch die Mauern der Weinbergsterrassen, speichern die Wärme und strahlen sie zeitlich verzögert wieder ab.

Ab dem denkmalgeschützten Weinbergshäuschen zu Beginn des Einstiegs in den Berg führen über 200 Treppenstufen, eingezwängt in Terrassenmauern, zu dem Weg oberhalb der Weinkulturen. Von dort bietet sich der Panoramablick.

Die Frage zu den Besitzverhältnissen am Kallmuth ergab Erstaunliches. Die Terrassenanlage ist vollständig im Besitztum des Fürstlichen Weingutes, sie bildet die Urlage. Nach Auskunft von Robert Haller gab es im "Dritten Reich" und zuletzt 1973 (mit dem neuen Weingesetz) Ausweitungen der Rebflächen, die sich Homburger Kallmuth nennen dürfen. Der Wein außerhalb der Terrassen ist jedoch nicht mit dem der Altlage vergleichbar. Er ist aufgrund der klimatischen und geologischen Besonderheiten des Kallmuth "anders".

Zum abendlichen Menü mit fürstlichen Weinen: Wann hat der normal Sterbliche schon einmal Gelegenheit, an so einem festlichen Essen in urig-fürstlicher Atmosphäre teilzunehmen. Die Fahrt mit Kleinbussen ging von der Straße vier Kilometer durch den Löwensteiner Park zum Jagdhaus. Empfangen wurde die Gruppe mit 1993 Lengfurter Oberrot Spätburgunder trocken, und Crostinis mit Wildschweinschinken. Wein und Wildschweinschinken waren ein Gedicht. Im Hause schlossen sich an: 1997 Hallgartener Jungfer Riesling Kabinett trocken, 1998 Reicholzheimer Satzenberg Weißer Burgunder Kabinett trocken, Entenleber-Parfait mit Kräuterwaffeln und Portweingelee .Anschließend: 1997 Homburger Kallmuth Silvaner Kabinett trocken, 1998 Homburger Kallmuth Silvaner Kabinett trocken und Kraftbrühe vom Hauskaninchen mit Pfannkuchenroulade. Weiter gings mit 1998 Homburger Kallmuth Silvaner Spätlese trocken, 1998 Homburger Kallmuth Rieslaner Spätlese trocken und Stangenspargel mit Hechtklößchen, Kerbelsoße und Bamberger Hörnchen. Vorletzter Gang war 1997 Homburger Kallmuth Aphrodill Silvaner Spätlese trocken, 1993 Reicholzheimer Satzenberg Barrique Weißer Burgunder trocken und Crepinette vom Wildschweinfilet mit Champignon Duxelles, Quarkspätzle mit Frühlingskohlrabi. Als Nachspeise gab es 1998 Hallgartener Hendelberg Riesling Auslese 1994 Homburger Kallmuth Rieslaner Beerenauslese und Torte mit Vanilleflan und Erdbeeren Karamelköpchen und Mandelsoße.

Wir haben das sehr genossen und werden es niemals vergessen.

Wer möchte, kann den vollständigen Bericht als PDF-Datei bei mir abrufen.

Zwischenzeitlich ist rund um den Homburger Kallmuth viel passiert Wir hatten 2014 anlässlich eines Hoffestes in Iphofen die Gelegenheit wahrgenommen, wieder einmal im Lindenhof zu Kreuzwertheim sowie am Homburger Kallmuth vorbei zu schauen.

Es ist vieles nicht mehr so, wie es 1999 war. Leider ist auch ein ganz besonders trauriges Ereignis dabei.

Ich erinnere mich noch, wie ich während eines Weinfestes im Schlosspark zu Kleinheubach die Respektlosigkeit besessen habe, den Erbprinz zu fragen, wie man Erbprinz wird. Er hat es uns ganz freundlich erklärt. Nach seinem Unfalltod führt seine Frau das Weingut.

Im wunderschön-nostalgischen kleinen Weingut in Kreuzwertheim lagert nun kein Homburger Kallmuth mehr. Das Weingut ist in das Schlossgelände Kleinheubach umgezogen. Ein Grund, mal dort vorbeizuschauen, um zu probieren.

21.09.2015

 

Übrigens, der neue Verwalter des Weinguts heißt Bastian Hamdorf und stammt von der Insel Föhr.

01.01.2017

Was sich auch schon wieder überholt hat. Bastian Hamdorf hat Löwenstein verlassen. Der neue Kellermeister heißt Peter Arnold. Er hat nach eigenem Aussagen bei Loewenstein gelernt. Nun dann.

Weil wir nun schon nostalgisch unterwegs waren und im Lindenhof zu Kreuzwertheim Blaue Zipfel geschlemmt hatten, wollten wir noch einmal einen Blick auf den Homburger Kallmuth werfen, der der erste Anlass für unsere unvergesslichen Aufenthalte in Kreuzwertheim war. Das ließ sich auf unserer autobahnlosen Weiterfahrt gut machen.

 

Über den Homburger Kallmuth könnte ich seitenlange Abhandlungen schreiben. Er ist der interessanteste Weinberg, den ich kenne. 80% Neigung.  

2015 schrieb ich: Eigentlich möchte ich eines Tages im Mai wieder den Berg hinauf steigen, die Asphodyll-Blüte fotografieren um mich dann mit einem kühlen Silvaner und einer kleinen Brotzeit in den Berg zu setzen.  Wegen des Wetters habe ich keine Besorgnis. Ich weiß ja, dass die aufsteigende Wärme des Homburger Kallmuth die Wolken abweist. Mystik pur. Am 17. Mai 2017 haben wir das nachgeholt und ein Picknick auf dem Berg gehalten. Asphodyllen haben wir auch gefunden. Besteigung-des-Kallmuth

 

 

Wer Wein vom Homburger Kallmuth kauft, bekommt nur „echten“ Homburger Kallmuth, wenn er auch noch „Fürst Löwenstein“ auf dem Etikett findet. Wenn ein anderer Winzername zu lesen ist, handelt es sich ursprünglich (und später bestätigten) um Nazi-sanktionierten Etikettenschwindel. Die Weine wachsen dann neben dem Berg in einer Homburger Nachbarlage. Sie sind deswegen nicht unbedingt schlecht. Nur nutzen deren Erzeuger das Privileg, das ihnen im Dritten Reich zugestanden wurde. Es wurde ihnen nicht mehr streitig gemacht. Als ich den Grund hierfür bei dem seinerzeitigen Verwalter, 

Herrn Haller, nachfragen wollte, hat dieser abgewunken. Man redet nicht darüber. Mit Verlaub, wenn das alles so stimmt, würde ich als betroffener Winzer auf dieses Privileg gerne verzichten. Als Kunde habe ich so meine Probleme, den "falschen" Homburger Kallmuth zu kaufen.

Zur Speicherfähigkeit des Buntstandsteins erfuhren wir vom Restaurantchef des Lindenhofes in Kreuzwertheim ein interessantes Detail: Wenn im ca. 20 km entfernten Thüngersheim - gelegen am anderen Ende des Mainvierecks und ebenfalls von der geologischen Formation des Buntsandsteins durchzogen - Hochwasser herrscht, sprudeln am Kallmuth die Quellen. Erstaunlich, bleibt zu ergründen, ob Geologen dieses Phänomen bestätigen.

Heinz Elflein

14.12.2021

 

Was all die Jahre nicht zur Sprache gekommen ist, hat sich in den letzten Wochen mehr oder weniger gezeigt, wenn auch der letzte Beweis fehlt. Ich wollte wissen, ob das Weingut Glyphosat eingesetzt hat und wie man weiter macht, wenn das nicht mehr erlaubt ist. Dass das Gift eingesetzt wurde, womit auch die Bodenstruktur und Kleinlebewesen beeinträchtigt wurden, müsste durch Bodenproben nachgewiesen werden. 

Ich muss zugeben, in früheren Jahrzehnten nicht darüber nachgedacht zu haben, bin ja auch kein Fachmann. Die Problematik ist mir allerdings seit etlichen Jahren bewusst, was sich auch in meinem Kaufverhalten niederschlägt.

Die Frage ist mir nicht beantwortet worden, was ja auch eine Antwort ist.

Damit hat sich das fürstliche Weingut selber einen Stein aus der Krone gebrochen und mir tut es für diesen wunderbaren Berg fürchterlich leid.

06.01.2022